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Konstantin Wecker

Liebe Freunde,
immer wieder mal werde ich - nicht nur von der Presse - mit manchmal süffisantem Lächeln gefragt, ob ich mich nicht doch lieber auf meine schönen leisen Lieder besinnen wolle, auf die zärtlichen Liebeslieder, auf die besinnliche Lyrik, und ob ich nicht schon zu alt wäre für mein penetrantes politisches "Einmischungssyndrom".
Oh ja, das würde ich gerne, antworte ich dann meistens, und vielleicht würde ich auch gerne in Rente gehen und es gäbe schon manchmal Tage, da sehnte ich mich nach einem beschaulichen Lebensabend in den Bergen oder in der Toscana, eingebettet in die Schönheit der Natur, aufgehoben im Zauberklang des Welteninnenraums.
Aber es geht leider nicht.
Manche meinen, ich solle mich doch damit begnügen, dass es uns hier in Deutschland noch so gut gehe, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.
Aber genau dieser Vergleich schreckt mich auf, lässt mich so hellhörig werden.
Auch wenn mir immer wieder eine Ideologie unterstellt wird - mir geht es nicht um eine neue Ideologie, die ich meinen Mitmenschen überstülpen möchte. Ich habe schlicht Angst um die demokratischen Grundrechte und sozialen Errungenschaften, die wir uns in vielen Jahrzehnten erarbeiten und bewahren konnten. Demokratie muss lebendig bleiben, sonst erstarrt sie zur Worthülse, und zur Zeit scheint es, als würde unsere Demokratie seit einigen Jahren gezielt verkauft. Verkauft an gewissenlose Konzerne und eine superreiche Elite, der es ausschließlich um die Bewahrung des Besitzstandes und Vermehrung ihrer Geldanlagen geht. Und dabei nehmen sie in Kauf, dass, je ärmer die Bürger werden, diese sich umso vehementer nach nationalistischen und rechtspopulistischen Heilsbringern sehnen.
Von Louis Brandels, dem berühmtesten und kritischsten Richter in der Geschichte des US-amerikanischen Surprime Court, stammt die Aussage:
"Wir müssen wählen. Wir können eine Demokratie haben, oder wir können eine Konzentration von Reichtümern in den Händen einiger weniger haben, aber wir können NICHT BEIDES HABEN."
Mein verehrter Freund Mikis Theodorakis, dieser unbeugsame geniale Musiker, 1925 geboren, also durchaus ein paar Jährchen älter als ich, schrieb 2011, zusammen mit Manolis Glezos,(*1922), der schon gegen die Nazis in den Vierzigerjahren Widerstand leistete, folgenden Text:
"Eine Handvoll internationaler Banken, Ratingagenturen, Investmentfonds - eine globale Konzentration des Finanzkapitals ohne historischen Vergleich - möchte in Europa und der Welt die Macht an sich reißen. Sie bereitet sich auf eine Beseitigung der Staaten und unserer Demokratie vor, indem sie die Waffe der Schulden nutzt, um die Völker Europas zu versklaven, und anstelle der unvollständigen Demokratie, in der wir leben, eine Diktatur des Geldes und der Banken zu errichten."
Das sind die Gründe, warum ich mein oft gescholtenes "Einmischungssyndrom" nicht einstellen kann. Die Vorstellung, eines zukünftigen Tages entscheidet ausschließlich eine Wirtschaftselite was rechtens sei, was die Wirklichkeit sei, was Schönheit sei und Kunst, Kultur und Geist, diese Vorstellung macht mir Angst und sie macht mich wütend.
Der Journalist Jürgen Roth nennt das, was uns seit einigen Jahren geschieht einen "stillen Putsch".
Ich habe sein gleichnamiges Buch, das bei Heyne erschienen ist, noch nicht zu Ende gelesen und will mir deshalb noch kein abschließendes Urteil erlauben. Aber so viel sei jetzt schon gesagt - es hat mich auf den ersten 50 Seiten schon sehr gefesselt.
Ich werde mich sicher weiter mit großer Freude den leisen und zärtlichen Liedern widmen.
Aber ganz bestimmt auch weiterhin die wütenden und lauten nicht vergessen.
P.S:
Rund ein Prozent Superreiche – mit einem Vermögen von mehr als einer Million Dollar - vereinen rund 40 Prozent des gesamten Vermögens auf sich. (ZEIT online, 27. Januar 2014)

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